gslogo

Gurdjieff Studies




Gurdjieff: Der Mann und die Literatur

Von James Moore

 

Gurdjieff

 

 

“"Ich habe sehr gutes Leder denjenigen zu verkaufen, die sich selber Schuhe machen wollen."  

G. I. Gurdjieff

 

 


[Dieser Artikel von einer seit langem anerkannten Autorität auf diesem Gebiet ist gemäß allgemeiner Übereinstimmung eine außergewöhnlich wertvolle Einführung in das Studium von Gurdjieff, da sie einen Überblick über Gurdjieffs Leben mit einer Auflistung der klassischen Gurdjieff-Literatur verbindet.]

Wer war George Ivanovitch Gurdjieff? Schriftsteller? Ballettmeister? Psychiater? Musiker? Arzt? Meister-Koch? Er widersetzt sich jeglicher Kategorisierung; jedoch ist es klar, dass er Segmente von "akroamatischem" Wissen, welche er während einer zwanzigjährigen Suche in Asien auflas, wiedervereinigte; und er brachte in den Westen eine Methodik für die mögliche Evolution des Bewusstseins, welche in eine Kosmologie von ehrfurchtgebietender Grössenordnung eingebettet ist. Sein Aufruf war radikal: Wach auf! Wach auf von Deinem unvermuteten hypnotischen Schlaf, zu Bewusstsein und Gewissen.

Vor mehr als einhundert Jahren war Gurdjieff ein armer Junge in der wenig bekannten Stadt Kars an der russisch-türkischen Grenze; heute is sein Name ein modisches Schlagwort geworden, das (wie Darwin, Marx, Freud oder Einstein) sich absurderweise als keiner weiteren Erklärung bedürfend vorgestellt wird.

Diejenigen, die ihn heute so eng als "Urvater der Ökologie-Bewegung" oder als "den Initiatoren zeitgenösischer eupsychianischer Therapien" einschätzen - obwohl sie zweifellos Aspekte wahrnehmen - verstehen weder das Ausmaß seiner Bedeuting noch die Entwicklungsbahn religiöser Traditionen.

Für einen wahrheitsgemäßeren Blick auf Gurdjieff müssen wir uns seinem Kreis von ergebenen Anhängern, die für ihre Einsichten mit Anstrengungen zahlten, zuwenden. Diese waren Männer und Frauen, die nicht von einem System selbsterhaltender begrifflicher Abstraktionen angezogen wurden, sondern von einem Manne von Rabelaisischer Statur, von der ihm zur Verfügung stehenden feinen Energie, von seinem Mitgefühl, und von seiner Fähigkeit, eine praktische Lehre zu übermitteln. Ihre Tagebücher und Autobiographien bilden eine reiche und einzigartige Literatur: zwar wird Gurdjieff seine unvermeidliche Geschichtlichkeit zugewiesen, irgendwie jedoch kämpft er sich frei und taucht mit der Kohärenz und Unmittelbarkeit eines Mythos auf.

Begegnungen mit Gurdjieff

Keine endgültige Lebensbeschreibung von Gurdjieff besteht oder ist auch nur entfernt in Aussicht.(1) Er war um das Jahr 1866 in Alexandropol geboren und erscheint zuerst auf einer hell erleuchteten Bühne im Jahr 1912 in Moskau. Ihm zu begegnen war immer ein Test: das erste Treffen - sicherlich für diejenigen, die seine Schüler wurden - war die Achse, auf der sich ein ganzes Leben umwälzte; dann in den folgenden Jahren würde so ein Mensch mit seiner ganzen innewohnenden Schwachheit, mehr oder weniger aufrichtig, der unnachgiebigen Forderung von Gurdjieff nachkommen. Dort vollzog sich das eigentliche Geschehen. Und was uns, die wir doch nur hier und jetzt leben können, betrifft, so werden uns ihre Lebenserinnerungen - in dem Maße, in dem wir durch einen inneren Akt des Mitfühlens die Erfahrung dieser Schüler nachvollziehen - ihren das bloß Historische überschreitenden Wert enthüllen.

Der Komponist Thomas de Hartmann (1886-1956) und seine Frau Olga waren vertraute Schüler und Gefährten von Gurdjieff für zwölf Jahre, und es ist ihm zu verdanken, dass uns die Musik von Gurdjieff überliefert wurde. In Our Life With Mr. Gurdjieff (Unser Leben mit Herrn Gurdjieff) nehmen sie uns mit auf die Reise, auf die sie ihn begleitet hatten: vom krisengeschüttelten Petrograd des Jahres 1917, über die kaukasischen Berge nach Tiflis, um schließlich 1922 in Paris anzukommen. Einfachheit, die manchmal einer gewissen Naivetät nahekommt, charakterisiert ihr Schreiben; aber der Eindruck, den man von Gurdjieff bekommt, ist nur um so bemerkenswerter. Wir sehen ihn sich unparteiisch, fast unsichtbar, durch Szenen der Verwirrung und des brudermörderischen Aufruhrs bewegen, dabei jede Schwierigkeit und Gefahr als neue Gelegenheit für praktisches Lehren begrüssen.

Im Oktober 1922 übernahm Gurdjieff die Prieuré in Fontainebleau-Avon, ein Chateau auf einem 200 Morgen Grundstück; hier schuf er schnell Bedingungen für das Selbst-Studium, die beispiellos in Europa waren. Gurdjieff hatte eine besonders enge Beziehung mit den Kindern seiner Schüler, und kümmerte sich um ihre Erziehung im wahren Sinne des Wortes. Manchmal forderte er sie heraus, manchmal führte er sie mit großem Feingefühl zu einer wichtigen Einsicht, und immer hatte sein Lehren ein Element der Überraschung und den Gütestempels des Praktischen. Von seinem elften bis fünfzehnten Lebensjahr lebte Fritz Peters (1913-1980) in der Prieuré, und in Boyhood With Gurdjieff (Eine Kindheit mit Gurdjieff), seinen lebhaften und zuweilen ungemein komischen Erinnerungen, erlebt er wieder diese aussergewöhnliche Erfahrung.

Im Frühling 1924 besuchte Gurdjieff mit einigen vorbereiten Schülern die USA, um öffentliche Demonstrationen seiner Heiligen Tänze zu geben, und ihr Einfluss auf führende Intellektuelle war weitreichend. Die Tänze machten einen überwältigenden Eindruck auch auf den jungen Engländer Stanley Nott (1887-1978), der einen anderen, einfacheren Lebenshintergrund hatte: er war um die Welt gereist, hatte hart in vielen Berufen gearbeitet, und seine Gefühle waren durch sein Leiden in den Schützengräben ausgezehrt. "Hier", schrieb Nott, "habe ich das gefunden, für was ich bis ans Ende der Welt reisend gesucht hatte." Seine Treue zu Gurdjieff erwies sich als lebenslang und ungeteilt; er verbrachte viele Sommer in der Prieuré, und in Teachings of Gurdieff (Lehren von Gurdjieff) übermittelt er seine innere und äussere Erfahrung mit der kraftvollen Energie eines Boswell. Das Buch beinhaltet auch komplett den scharfsinngen (obgleich nicht endgültigen) Kommentar zu Gurdjieffs Buch Beelzebub von A.R. Orage, einem Freund von Nott.

Die zehn Jahre zwischen 1925 und 1935 widmete Gurdjieff seinem geschriebenen Werk, an dem er in der die Konzentration erschwerenden Umgebung des Café de Paix arbeitete. Hier stiess auf ihn im Frühling 1932 die amerikanische Autorin Kathryn Hulme (1900-1981) welche später Berühmtheit mit ihrem Roman The Nun's Story (Die Geschichte einer Nonne) erlangte; sie dürstete danach, seine persönliche Schülerin zu werden, aber es dauerte fast vier Jahre, ehe ihre Beharrlichkeit belohnt wurde. Ihre Autobiographie Undiscovered Country (Unentdecktes Land) ruft eindringlich ihre Erfahrung innerhalb einer speziellen Gruppe von vier Frauen, die sich täglich in der Wohnung von Gurdjieff in der Rue Labie traf, hervor (alle waren hoch kultiviert, Teil der Avantgarde und unverheirated - und einige unverholen lesbisch). Ihr Schreibstil leidet an Überladenheit, und das Beste an ihm ist seine lebenssprühende Qualität. Gurdjieffs Fähigkeit, mit Menschen verschiedener Typen zu arbeiten, ist eindrucksvoll übermittelt, wie auch die emotionale Verbindung der Mitglieder der Gruppe untereinander und mit ihrem Lehrer. Sie nannten ihre kleine Gesellschaft 'The Rope' (das Tau), um niemals ihre gegenseitige Abhängigkeit für einen erfolgreichen Aufstieg zu vergessen.

Obgleich gedrängt, von Paris 1940 vor den die Stadt besetzenden Deutschen zu fliehen, beschloß Gurdjieff, in seiner bescheidenen Wohnung in der Rue des Colonels-Rénard Nummer 6 zu bleiben. Obwohl er schon weit in seine siebziger Jahre fortgeschritten war, hielt er nichts von seiner Energie zurück. Er hielt individuelle Beratungen ab, unterrichtete neue Reihen von Tänzen oder Bewegungen in der Salle Pleyel, und erstaunlicherweise schaffte er es in jenen mageren Zeiten, die patriarchalische Gastfreundschaft seiner verwegenen Bankette aufrechtzuerhaltend. Das früher geringe französische Interesse an Gurdjieff begann jetzt zu knospen, und viele Intellektuelle suchten seine Nähe, unter ihnen René Zuber (1902-1979) der Filmregisseur. Sein kleines Buch Who are you Monsieur Gurdjieff (Wer Sind Sie, Herr Gurdjieff?) ist eine ruhige und anspruchsvolle Meditation: konfrontiert mit dem Mysterium von Gurdjieff ist es Zubers tiefes Anliegen, ihn in Beziehung zum Christentum zu verstehn - er wird jedoch immer wieder darauf zurückgebracht, sich selbst in Frage zu stellen.

Fünfzehn Monate vor dem Tod von Gurdjieff stellte J.G. Bennett (1897-1974), der ihn bereits in den 1920er Jahren kurz getroffen hatte, einen tieferen - wenn auch durch Umstände gelegentlich unterbrochenen - Kontakt mit ihm her. Elizabeth Mayall (1918-1991), die später Bennetts Ehefrau wurde, war es möglich vom Januar 1949 an in Paris zu leben, und nahm daher ungeminderter an der einzigartigen Welt der Rue des Colonels-Rénard teil.

Hier diente während seinen letzten Abendmahlen Gurdjieffs mysteriöses Ritual des 'Toast der Idioten' als Mittel für ein letztes und intensiv individuelles Lehren. Idiots in Paris (Idioten in Paris), die uneditierten Tagebücher der Bennetts, erfassen mit fast schmerzhafter Ehrlichkeit und Unmittelbarkeit die letzten hundert Tage des Lebens von Gurdjieff, und den bitteren Kampf seiner Schüler für Verständnis. Gurdjieff starb in Neuilly am 29. Oktober 1949.

Die Lehre

Was denn genau war Gurdjieffs Lehre? Obwohl die Frage einer Erläuterung nahezukommen verspricht, wird sie durch ihre eigene Direktheit verdorben: Zeit tötet wie ein Giftkraut autorisierte Versionen ab, und Gurdjieff hat nie eine solche veröffentlicht. "Ich lehre," sagte er gnomisch, "dass, wenn es regnet, die Strassen nass werden." Die belebende Macht seiner Ideen wirkt sich auf den Zeitpunkt, den Umstand, sowie auf den Typ und Zustand des Schülers aus. Seine einzig andauernde Forderung ist "Kenne Dich Selbst", zu welcher er eine Meta-physik, einen Meta-psychologie und eine Meta-chemie beiträgt, die sich kurzer Zusammenfassungen absolut widersetzen; sie beinhalten eine Typologie des Menschen, eine Phänomenologie des Bewusstseins, und eine quasi-mathematische Stufenlehre, die Makrokosmos und Mikrokosmos verbindet. Dieser komplizierte Apparat wird durch eine Hauptidee beleuchted: der Mensch ist aufgerufen, danach zu streben, sich selbst zu vervollkommnen and dadurch unserem heiligen, lebenden Weltall zu dienen.

Können wir Nachklänge der Lehren von Pythagoras oder Plato, von Christus oder Milarepa wahrnehmen, oder gewisse beschränkte Parallelen mit solchen Modernen wie Mendeleev, Sheldon, Vernadsky oder Watson sehen? Es is leicht, sich in einem Irrgarten von Vergleichen und in der Vielfalt von Ideen zu verlieren. Gurdjieff selbst war mit bloßen Worten nicht zufrieden; seine Bewegungen und Heilige Tänze waren unmittelbar ein Symbol universaler Gesetze und zugleich ein Gebiet für die individuelle Suche. Als er sich seinem sechzigsten Lebensjahr näherte, wandte er sich dem Schreiben zu; was er schrieb war mehr heuristisch als erklärend, und seine literarische Formen kamen völlig unerwartet: zuerst ein einzigartiges kosmologisches Epos, dann eine einzigartige Autobiographie.

Beelzebub's Tales to His Grandson (Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel) ist Gurdjieffs Meisterwerk, und kein anderes Buch bringt uns ihm näher. Diejenigen Leser, die sich der doppelten Herausforderung der Tiefe des Werkes einerseits und seiner beabsichtigten stilistische Schwierigkeit andererseits stellen, und die wieder und wieder die erforderte feine Aufmerksamkeit aufzubringen vermögen, werden hier in verschlüsselter Weise alle psychologischen und kosmologischen Ideen von Gurdjieff finden, wie auch eine fundamentale Kritik.

Während einer langen Reise in einem Raumschiff enhüllt Beelzebub gutgelaunt seinem Enkelsohn Hassein sein Verständnis von ”All und Allem". Durch seine unparteiischen, mitleidsvollen Augen sehen wir von einer grossen Distanz und mit mikroskopischer Klarheit das Leben auf der Erde. Durch Zeitalter und über Kontinente sehen wir den Mensch sich tief im Schlaf befindend, blind und ziellos kämpfend und leidend, hin- und hergerissen durch Kriege und Leidenschaften, alles verschmutzend was er anfasst; und doch, durch einen merkürdigen Makel in seiner Natur, klammert er sich nichts Böses ahnend an gerade diejenigen Instrumente, die ihn verwunden, und an diejenigen Verhaltensmuster, die ihm schaden.

Ein harsches Bild? Unleugbar. Und in anderen Händen als denen Gurdjieffs könnte das grausam nihilistisch gemeint sein; aber Gurdjieff ruft uns zum Leben auf. Es ist ein Ausdruck seines Genies, dass er objektive Hoffnung flott macht und sie wie eine Arche auf diesem dunklen Gewässer schwimmen lässt. Er hinterlässt uns die große Gestalt des Beelzebub, dessen Existenz dem Menschen aufzeigt, wie er sein könnte: mit Dankbarkeit sich des Gottesfunkens in ihm gewahr und durch bewusste Arbeit zur Erfüllung seiner wahren Rolle in der kosmischen Ordnung strebend.

In seinem folgenden Buch Meetings with Remarkable Men (Begenungen mit Bemerkenswerten Menschen) beschreibt Gurdjieff die früheste und uns am wenigsten bekannte Periode seines eigenen Lebens: seine Knabenzeit in Kars unter dem gütigen Einfluss seines Vaters und seines ersten Privatlehrers, des Dekan Borsh; dann sein frühes Mannesalter, das in vieler Weise einer unablässigen Suche nach echtem und universalem Wissen gewidment war. Die Sprache des Buches ist unverziert und lebhaft, die Länder von Transkaukasian und Zentralasien vor unseren Augen enfaltend, und zur gleichen Zeit gibt Gurdjieff Hinweise auf eine parallel laufende Geographie der menschliche Seele, und auf den Weg dem er folgte, um in sie einzudringen.

Wir reisen in dieses Innere in der Gesellschaft von Gurdjieffs Jugendfreunden - Prinzen, Ingenieuren, Ärzten, Priester - Männer die nicht durch ihre an der Oberfläche sichtbaren Lebensumstände bemerkenswert waren, sondern durch ihren Einfallsreichtum, ihre Selbstdisziplin und ihr Mitgefühl. Wir sehen sie als wären wir Angesicht zu Angesicht mit ihnen; und ihre Worte werden in unser Inneres platziert, als wären sie in einem Moment vertraulicher Ruhe direkt zu uns gesprochen.

So bietet uns Gurdjieff jetzt, nachdem er den Grund mit der grandiosen Kritik seines Beelzebub vorbereitet hatte, sein Material für eine neue Schöpfung an - bestehend aus nichts anderem als unserem harten, tagtäglichen Leben, einem Leben aber, das in Frage geworfen and in den Dienst eines - durch seine Intelligenz und Grösse wahrhaft menschlichen - Zieles gestellt ist.

Zwischen den Jahren 1915 und 1918 lehrte Gurdjieff seinen russischen Gruppen freizügig eine erstaunliche Ansammlung von exakten Daten, welche aufzufinden ihm zwanzig Jahre seines Lebens gekostet hatten. Herausragend unter seinen Schülern in dieser Zeit war Piotr Demianovich Ouspensky (1878-1947), ein Journalist, Mathematiker und Intellektueller, der bereits durch sein Buch 'Tertium Organum' berühmt war. Es war gerade diese Epoche, mit ihrer Massenvernichtung und ihren barbarischen Widersprüchen, die Ouspenskys lebenslangen Hunger nach Werten und Wissen einer höheren Ordnung verschärfte. In Search of the Miraculous (Auf der Suche nach dem Wunderbaren) wurde posthum veröffentlicht; es besteht zu drei Vierteln aus Gurdjieffs eigenen Worten, die von dieser Zeit erhalten und in brillanter Weise arrangiert worden waren. Gurdjieff selbst gab diesem Werk seine Anerkennung, and es bietet zweifellos die zugänglichste Darstellung seiner psychologischen und kosmologischen Ideen an; gleichzeitig auch bringt uns dieses Werk so nahe an die spezifische, nur innerhalb einer Gruppe mögliche Erfahrung heran, inwieweit dies ein Buch eben zu tun vermag. Die überwältigende Empfindung von Schock, Aufregung und Enthüllung, die Ouspensky 1915 anfeuerte, wird in den Sätzen und Diagrammen dieses Buches an Menschen nachfolgender Generation weitergegeben, an Menschen, die (ungeachted der äusseren Lebensumstände, mit denen sie verschmolzen sind) im Geheimen auf der Suche sind.

Jeanne de Salzmann wurde die Schülerin von Gurdjieff 1919 in Tiflis, und im Laufe von dreißig Jahren nahm sie an jeder aufeinanderfolgenden Form der Verbreitung seines Werkes teil, und trug sogar Verantwortung für Gurdjieffs Gruppen während der letzten zehn Jahre seines Lebens. In Views from the Real World (Aus der Wirklichen Welt) stellte sie mehr als vierzig wichtige Vorträge, die Gurdjieff zwischen 1917 und 1930 gehalten hatte, zusammen. Wir verdanken deren eigentliche Bewahrung dem geschulten Erinnerungsvermögen seiner Anhänger, denen es verboten war, sich Notizen während der Vorträge zu machen. Wenn diese auch nicht silbengetreue Wiedergaben von Gurdjieffs Worten sind, so ist es doch klar und deutlich seine authentische Stimme, mit welcher er uns hier unmissverständlich herausfordert.

Annäherungen an Gurdjieff

Keiner - ganz gleich ob er auf ihn anspricht oder nur gegen ihn reagiert - kann die elektrische Spannung von Gurdjieffs Intellekt messen, ohne einen Schock zu bekommen. Er hat eine jener wenigen, wirksamen Stimmen, die "eine große Mannigfaltigkeit von Widerhallen durchdringend ihre eigene Klangfülle und Handlungsmacht beibehält."(2) Lassen Sie uns daher kurz einigen Zusammenfassungen, Annäherungen, und thematischen und lyrischen Neuformulierungen zuhören und indem wir diese als Nachklänge verstehen, ihre tiefe Berechtigung innerhalb einer lebenden Menschen anvertrauten lebendigen Tradition anerkennen.

Nach den vier Jahren als einer der engen Schüler von Gurdjieff erklärte P.D. Ouspensky seine Ideen in England und Amerika für ein viertel Jahrhundert. In The Psychology of Man's Possible Evolution (Psychologie der Möglichen Evolution des Menschen) destilliert er von der umfassenden Lehre von Gurdjieff ihre psychologische Essenz, und präsentiert sie ohne Geschmack oder Aroma auf nur 92 Seiten. Diese Formulierung der Lehren, die auf Ouspenskys Vortragsnotizen beruht, ist so klar und ausgewogen, dass sie als eine Einführung und Gedächtnisstütze für alle Zeiten unübertroffen bleiben wird.

Das Gefühl der wirklichen Erfahrung eines Schülers - welches so offensichtlich in Ouspenskys theoretischer Zusammenfassung fehlt - wird in Venture with Ideas (Wagnis in Ideen) von Kenneth Walker (1882-1966) übermittelt. Diese warme, menschliche Lebenserinnerung skizziert mit leichter Hand die psychologische und kosmologische Lehre von Gurdjieff im biographischen Kontext der vierundzwanzig Jahre, die der Autor mit Ouspensky in England studierte. Walkers wissenschaftlicher Hintergrund (er war dreifacher Hunterian Professor für Chirurgie in dem Royal College for Surgeons) macht seine Wahrnehmung esoterischer Ideen um so interessanter.

Menschen sind in einem tragischen Maße uneinig, aber alle, die es wünschen, können die existenziellen Ur-Fragen teilen: "Wer bin ich?" und "Was is die Bedeutung und das Ziel menschlichen Lebens?" Das eindrucksvolle Gebäude von Gurdjieffs Lehre ruht auf dem unerschütterlichen Fundament dieses unschuldigen Fragens. Dieses Thema wird in Towards Awakening (Unterwegs zum Selbst) von Jean Vaysse (1917-1975) einem Pionier der offenen-Herz Chirurgie und der Herzverpflanzung, der ein enger Schüler von Gurdjieff in Paris war, in ruhiger Weise entwickelt. Sein Endkapitel skizziert zum ersten Mal Gurdjieffs Übungen, die Aufmerksamkeit und körperliche Empfindung verbinden.

Der Berg, der in die Erde eingewurzelt ist und dessen Gipfel zum Himmel reicht, ist ein altes Symbol des menschlichen Hoffens und Strebens. René Daumal (1908-1944), der unter Gurdjieff in Paris während des Krieges studierte, schrieb seine feine und humorvolle Allegorie Mount Analogue (Der Analog) in der Sprache eines Dichters und Bergsteigers, um uns an diesen merkwürdigen inneren Aufstieg, zu dem wir aufgerufen sind, zu erinnern. Obwohl er jung starb üben Daumals Werke einen nachhaltigen Einfluss auf die moderne französische Literatur aus.

Kommende Jahre werden unvermeidlich das akademische Interesse an Gurdjieff erhöhen. Aber weil seine Lehre auf persönlicher Erfahrung beruht, weil es hier die Gefahr einer Verwirrung von Bedeutungsebenen gibt, und weil möglicherweise ein Akademiker mit einem grundsätzlichen Missverständnis oder sogar mit Voreingenommenheit seine Position so hübsch auszuschmücken vermag, ist diese Aussicht nicht ganz willkommen. Und doch sind einige Vorzeichen gut. Michel Waldberg berücksichtigt in intelligenter Weise in Gurdjieff: An Approach to His Ideas (Gurdjieff: Eine Annäherung an seine Ideen) alle Haupttexte und entwirft eine leichtverständliche kommentierte Zusammenfassung, die einen echten Standard setzt.

Und Jetzt?

Gurdjieff bevorzugte das Heute dem Gestern; er lud uns nicht dazu ein, ihn entweder zu sezieren oder zu vergöttern, sondern dazu, nach uns selbst zu suchen. Immer wieder zu seinem Beelzebub zurückkehrend scheinen wir die reiche, menschliche Stimme des Autoren zu vernehmen, eine Stimme, die an seine "Enkel" gerichtet ist, an die Schüler des Neuen Zeitalters, an aufsteigende Generationen, denen es nicht vergönnt war, ihm persönlich zu begegnen, die aber dennoch die Samen seiner Ideen in eine unbekannte Zukunft tragen. Aber eine Pilgerreise des Lesens allein genügt nicht: kein Buch, auch nicht ein heiliges Buch, kann diesen unergründlichen Moment hervorbringen, wenn in der wirklichen Gegenwart seines Lehrers das Verständnis des Schülers verstärkt und vertieft wird.

Wo dann soll man heute suchen? Das ganze Talent eines Menschen, sein Urteilsvermögen und kompletter gesunder Menschenverstand werden hier erfordert, wo es doch so viele Sirenengesänge und Selbstreklamen gibt. Jedoch war es nicht umsonst, dass Gurdjieff Schüler vorbereitete, nicht umsonst, dass er Hinweise für die Zukunft gab. Und nach seinem Tod war es nicht umsonst, dass die wertgeschätzten Gurdjieff Bewegungen jahrzehntelang fortgeführt worden sind; und wenn auch unter Schwierigkeiten so formte sich doch ein verantwortlicher Kern, dessen Aufgabe es ist, die von Gurdjieff geschaffene Strömung zu bewahren.

Wo also? Für diejenigen, deren Annäherung an Gurdjieff eine praktische ist, muss das die vorherrschende Frage sein. Zuerst muss ein äusserer Kontakt gefunden werden, dann eine innere Verbindung, die zu erneuern und zu vertiefen ist.

Gurdjieff - eine ausgewählte Bibliographie(3)

Die Lehre

Beelzebub's Tales to His Grandson by G. I. Gurdjieff (1950) (Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel. Eine objektiv unparteiische Kritik des Lebens des Menschen - 1976, Sphinx Verlag)
Meetings with Remarkable Men by G. I. Gurdjieff (1963) (Begegnungen mit Bemerkenswerten Menschen - 1988, J. Kamphausen Verlag)
In Search of the Miraculous by P. D. Ouspensky (1949) (Auf der Suche nach dem Wunderbaren.
Perspektiven der Welterfahrung und der Selbsterkenntnis - 1999, O.W. Barth Verlag)
Views from the Real World Talks of G. I. Gurdjieff (1973) (Aus der Wirklichen Welt. Gurdjieffs Gespräche mit seinen Schülern - 1994, Sphinx Verlag)

Annäherungen an Gurdjieff

The Psychology of Man's Possible Evolution by P.D. Ouspensky (1978) (Psychologie der möglichen Evolution des Menschen - 1995, Verlag Neue Erde)
Venture with Ideas by Kenneth Walker (1951)
Toward Awakening by Jean Vaysse (1980) (Unterwegs zum Selbst. Begegnung mit der Lehre Gurdjieffs -1985, Sphinx Verlag)
Mount Analogue by René Daumal (1974) (Der Analog - 1983, Suhrkamp Verlag)
Gurdjieff: An Approach to His Ideas by Michel Waldberg (1981)

Begegnungen mit Gurdjieff

Our Life with Mr. Gurdjieff by Thomas and Olga de Hartmann (1964, Revised 1983 and 1992)
Boyhood with Gurdjieff by Fritz Peters (1964) (Eine Kindheit mit Gurdjieff - 2003, Innenwelt Verlag)
Teachings of Gurdjieff by C.S. Nott (1961)
Undiscovered Country by Kathryn Hulme (1966) (Unentdecktes Land - 1968, Herder Verlag)
Who Are You Monsieur Gurdjieff? by René Zuber (1980) (Wer Sind Sie, Herr Gurdjieff? - 1981, Sphinx Verlag )
Idiots in Paris by J.G. and E. Bennett (1980)

Anmerkungen

1) Die Biographie von James Moore Gurdjieff: The Anatomy of a Myth (Element Books Ltd. 1991) erachten wir jedoch als empfehlenswert.

2) Jeanne de Salzmann in ihrem Vorwort (Seite viii) zu Views from the Real World.

3) Für ein gelehrtes, umfassendes Studium Gurdjieffs sei wärmsten auf diese Bibliographie verwiesen: Gurdjieff: An Annotated Bibliography by J. Walter Driscoll and the Gurdjieff Foundation of California (New York: Garland Publishing, 1985).

 

© James Moore1983 & 1999
German Translation © Klaus Herold 2006

(Back to top of page)